Fußball zocken – Groundhopping in Las Vegas

09.04.2019 | 18:04
Unser Fanvertreter Ralf Schuh ist ja für seine Berichte berühmt. Jetzt möchte er auch "berüchtigt" werden und gesteht seinen Hang zum zocken - in Las Vegas!
Gott, wer sitzt da für uns im Kontrollgremium? Aber keine Angst: es geht nur um Fußball - was sonst...
Hier Ralfs launischer Bericht:



Als bekennender Fan der Stadt Las Vegas bin ich Ende März bereits zum 10. Mal in das Spielerparadies mitten in der Mojawe-Wüste in Nevada geflogen.

Zum „Jubiläum“ hatte ich mir einen ganz besonderen Programmpunkt vorgenommen:
Den Besuch eines Fussballspieles!
Las Vegas und Fussball? Selbst dem größten Kenner des Weltfussballs kann man diese Wissenslücke verzeihen, da Las Vegas Lights FC erst am 03.04.2017 das Licht der Welt erblickte und aktuell tatsächlich somit erst am Beginn seiner 2. Saison überhaupt steht.
Traditionverein geht definitiv anders, aber es gab im Vorfeld so einige Dinge im WWW zu lesen und zu sehen, die mich ziemlich neugierig gemacht haben. Nicht zuletzt die Tatsache, dass in dieser Saison mit Eric Wynalda ein im Pott (VfL Bochum) nicht ganz Unbekannter Trainer der Lights geworden ist

Am 11. August 2017, also gut 4 Monate nach Gründung erhielt der Club direkt die Zulassung für die 2. Liga (USL Championship), die ebenso wie die 1.Liga MSL zweigeteilt ist.
Die Entfernungen sind, obwohl im Gegensatz zur MLS keine kanadischen Teams teilnehmen, trotzdem immens und ohne Flieger meist nicht zu bewältigen,
So sind es zum Auswärtspiel in Texas für die Lights mal eben knapp 2.500 km...Luftlinie!
Diskussionen über Spielansetzungen unter der Woche und (auswärts)fanfreundliche Anstoßzeiten erübrigen sich da fast schon.
Das Spiel gegen die Real Monarchs SLC aus dem ca. 670 km entfernten Salt Lake City, das ich besuchen wollte, geht daher schon als Lokalderby durch..
Auf-und Abstiegsregelungen gibt es noch nicht, man arbeitet aber an einer Ligendurchlässigkeit zumindest im Bereich der USL, die unter der „Championship“ auch noch eine League 1 und eine League 2 kennt.
In die MLS kommt man wohl auch zukünftig nur „auf Antrag“

Da ich dieses Jahr mein Hotel wieder in Downtown Las Vegas (Freemont Street), also dem „alten“ Las Vegas, gewählt hatte, konnte ich mich am Samstagabend zum Flutlichtspiel zu Fuß auf den Weg ins nur rund 2 km entfernte Stadion „Cashman Field“machen.
„Cashman Field“ ist ein ehemaliges Baseball-Stadion mit daher lediglich 2 Tribünen und ausschließlich Sitzplätzen sowie einem Fassungsvermögen von 12,500 Zuschauer.

Bei RWE kamen wir immerhin auch in schlechten Zeiten zumindest auf 2,5 Tribünen :-)

Für eine Nutzung als Baseball-Stadion ist die Tribünenanordnung durchaus zweckmäßig, für ein Fußballstadion aber eher ungewöhnlich. Aber wenn man ein paar Monate nach Vereinsgründung schon in Liga 2 starten will, muss man nehmen was da ist. Das Stadion wurde frei, nachdem das Baseball-Team der „Las Vegas 51s“ Anfang 2018 in einen Neubau ins nahegelegene Summerlin umgezogen sind.

Am Stadion angekommen fielen als erstes die riesengrossen Parkflächen für PKWs auf.
ÖPNV scheint zumindest beim Besuch von Sportveranstaltungen hier keine nennenswerte Rolle zu spielen.
Ca. 90 Minuten vor Spielbeginn herrschte vor den Toren schon ein buntes Treiben, ähnlich unserem Familienspieltag. Polizei war nicht zu sehen.
Zu diesem Spiel war auch eine „offizielle“ Abordnung (Cheerleader/Maskotchen/Trommlertruppe) des Top-NHL-Clubs „Las Vegas Knights“ zu Gast, die vor und später auch im Stadion durch die Reihen zogen und ordentlich Alarm machten.
Schnell das Tickets für die „Supporters-Section“ hinterm Tor besorgt, mit 25 US-Dollar die günstigste Karte. Die teuerste Karte kostete 55 US-Dollar.

Da ich natürlich mit RWE-Trikot auflaufen wollte, habe ich mich im Vorfeld mal beim Verein erkundigt, ob das problemlos möglich ist.
Die haben die Frage erst gar nicht verstanden... :-))
Es war absolut kein Problem!
Trotzdem musste ich unbedingt auch ein Trikot der „Lights“ haben, welches für 80 US-Dollar im Fanshop erstanden werden konnte. Dieser befand sich im Bereich der Haupttribüne, den man aber ohne irgendwelche Absperrungen und Kontrollen erreichte.
Apropos Kontrollen:
Am Einlass wurde man lediglich kurz mit einem Metalldetektor abgesucht und größere Taschen wurden durchleuchtet. Solange man keine Waffe mit sich führte, war alles o.K.
Das Stadion füllte sich recht zügig und zu Spielbeginn waren über 9.000 Zuschauer vor Ort, was ich mehr als beachtlich fand und tatsächlich auch deutlich über dem Schnitt der USL liegt. Dieser lag in der letzten Saison bei 4.940 Zuschauer, wobei hier der seit dieser Saison in der 1.Liga (MLS) spielende FC Cincinnati mit unglaublichen 25.716 Zuschauern im Schnitt den Vogel abgeschossen hatte und den Schnitt noch deutlich nach oben gedrückt hat.

Das Vorprogramm des Spiels hatte es in sich.
Traditionalisten werden da sicherlich an einigen Stellen die Nase rümpfen und verächtlich schnauben, ich hatte allerdings ein Dauergrinsen im Gesicht, ganz ohne Alkohol und (in Nevada mittlerweile legalisiertem) Marihuana.
Da fuhr zunächst das Maskotchen der Lights „Cash the soccer rocker“ auf einer Harley-Davidson zu „Viva Las Vegas“ einmal um den ganzen Platz. Eine krude Mischung aus Elvis Presley und Jonny Cash.
Dann der Auftritt von Dolly und Dotty, 2 Lamas und ebenfalls Maskotchen der Lights, die immer kurz vor dem Anpfiff zum Fototermin mit der Mannschaft auf den Rasen bitten.

Während (!) der 1.Spielminute wird bei jedem Heimspiel ein einminütiges Höhenfeuerwerk in dem Stadionbereich abgebrannt, in dem sich keine Tribünen befinden.
Ebenfalls pünktlich mit Anpfiff werden in der Supporters Section von 2 „Ultra“-Gruppierungen, die rechts bzw. links neben dem Tor Ihre Capo-Bühnen haben, Rauchbomben in den Vereinsfarben gezündet.
Diese beiden Einsätze von Pyrotechnik würden hierzulande Schnappatmung beim Verband und empfindliche Strafen nach sich ziehen. Bei den Las Vegas Lights wird dies vom Teameigentümer Brett Lashbrook ausdrücklich gewünscht und den Verband kümmert es nicht.
Auch während des Spieles wird anlassbezogen mit Rauchbomben agiert, Pyro-Fackeln und Böller sind allerdings nicht im Einsatz. Der Support während des Spieles war amtlich und durchgänjgig und mal englisch, mal spanisch (!). Ein nicht unerheblicher Anteil der Zuschauer (wie auch der Spieler der Lights) hat lateinamerikanischen Migrationshintergrund. Das trägt sicherlich zur überragenden, südländischen Stimmung bei.
Hinter dem Tor ist noch eine Riesenkonfettikanone positioniert, die anlassbezogen mal was in den Vereinsfarben raushaut. Das übernimmt übrigens der offizielle Pyroverantwortliche persönlich


Apropos Vereinsfarben: Passend zur Neon-City Las Vegas haben wir hier hellblau, gelb und pink.
Ja, ernsthaft! Hellblau, gelb und pink.....
Das Heimtrikot hat aber Schwarz als Grundlage für diese Farben und sieht m.E. dadurch durchaus geschmackvoll aus.

Zudem hält es noch ein kleines Gimmick für den Torjubel bereit, wenn man das Trikot über den Kopf zieht....


Das alles wirkt auf den ersten Blick vielleicht völlig „over the top“, wir dürfen dabei aber nicht vergessen, in welcher Stadt wir uns befinden, nämlich in Las Vegas!
Berücksichtigt man dies, ist das Bild wieder mehr als stimmig.
Weitere verrückte Aktionen gefällig:
Letzte Saison wurden 5.000 US-Dollar aus einem Hubschrauber über dem Spielfeld abgeworfen, die 200 zuvor ausgewählte Zuschauer einsammeln durften.
Die Spieler erhalten für jedes Spiel, in dem sie 3 oder mehr Tore erzielen, jeweils 100 Dollar in Casinochips eines Downtown-Casinos.

Das Spiel selbst war durchaus ansehnlich. Las Vegas stand nach einem 0:0 zu Hause im 1. Heimspiel und zwei Auswärtsniederlagen (1:2 und 1:3) bereits etwas unter Druck.
Zum Ende der torlosen 1. HZ kam es zu einer amtlichen Rudelbildung (der Gästekeeper provozierte mit einer Schauspieleinlage) und da sah ich sie tatsächlich: 2 Polizisten kamen auf den Platz, um zu helfen, die Spieler zu trennen.
:-))
Der Schiri machte das einzig Richtige, nämlich gar nichts und bat die Teams zum Pausentee.
Kurz nach Wiederbeginn dann Ecke für LV und ein wuchtiger Kopfball sorgte für die erlösende 1:0 Führung der Gastgeber. Das Tor fiel leider auf der tribünenlosen Seite, aber der Torjubel war trotzdem respektabel, incl. Rauchbomben usw.
Nachdem auch die Abwehrschlacht in den letzten Minuten erfolgreich überstanden wurde, war der erste Saisonsieg unter Dach und Fach.
Mir stand immer noch ein Grinsen im Gesicht als ich mich auf den Heimweg machte.
Ich gestehe, dass mich das alles wirklich angefixt hat.
Die absolut gewalt- und hassfreie und trotzdem hoch emotionale Atmospähre, ebenso wie der entspannte Umgang mit Pyro. Trotz des ganzen Brimboriums drumherum hatte ich nie den Eindruck, dass hier die Show im Vordergund steht , sondern das es den Zuschauern wirklich um den Sieg Ihres Teams ging, dass leidenschaftlich unterstützt wurde.
Soccer ist in der Wüste Nevadas angekommen und hat sich seinen Platz bei den Einheimischen erobert.

Es war ein außergewöhnlicher, ein wunderschöner Fussballabend, den ich so schnell nicht vergessen werde!
Wann immer ich künftig wieder in LV sein werde:
Sollten die Lights spielen, bin ich dabei.

Viva Lights ! ;-)

P.S. Worte und ein paar Fotos können vielleicht einen groben Eindruck vermitteln, besser sind aber Bewegtbilder, die unter dem folgenden link auf Youtube zu finden sind:

Hier wird Rob Stone, “mister soccer“ in den US-Medien, zu seinen Eindrücken zum Spiel gefragt, das er als Gaststadionsprecher live begleitete, untermalt von Bewegtbildern vom Spiel und dem Drumherum
Zitat von Ihm am Ende:
„I can't remember a soccer match I went to in years, I had that much fun at.
It was fantastic and one of the best experiences I ever had“

Die Spiele der Lights kann man zudem bei Youtube in voller Länge sehen, jeweils ein paar Stunden nach Spielende.