Interview mit Marcus Uhlig zum Thema „Miteinander im Verein“

29.08.2018 | 16:08
Bei schlappen 35 Grad im Schatten der Tribüne traf sich vor kurzem die Homepage-Redaktion der FFA mit dem RWE-Vorsitzenden Marcus Uhlig, um mit ihm über den Themenschwerpunkt "Miteinander im Verein" und geplante Aktionen seitens RWE zu sprechen.

FFA: Lieber Marcus, vielen Dank, dass Du Dir kurzfristig die Zeit genommen hast, um der Homepage-Redaktion der Fan- und Förderabteilung wieder Rede und Antwort zu stehen.

Uhlig: Vielen Dank auch von meiner Seite für die Möglichkeit über ein paar Dinge genauer Auskunft geben zu können.

FFA: Unser Thema soll heute das „Miteinander im Verein“ und das Zusammenwirken von Fans, Mitgliedern, Gremien und Mannschaft sein. Zum Beispiel die beiden geplanten Aktionen, die auf der letzten Hauptversammlung vorgestellt wurden, oder auch andere Vorhaben rund um den Verein. Da läuft ja so einiges an neuen Initiativen in dieser Saison.

Uhlig: Ja, es ist unglaublich viel momentan. Wir haben weniger Leute und immer mehr an Themen. Die Außenwahrnehmung ist oftmals leider immer noch, dass wir einen „Wasserkopf“ auf der Geschäftsstelle haben, aber das genaue Gegenteil ist mittlerweile der Fall.

FFA: Dann fangen wir doch direkt mal mit einer Ankündigung von letzten Jahreshauptversammlung an: Die neue Anzeigentafel im Retro-Look der siebziger, achtziger Jahre. Das ging ja ein bisschen „Holter die Polter“. Es gibt ja auch Stimmen, die das unter dem Stichwort Marketing abtun und sich wundern, dass eine solche Aktion noch vor dem Ablauf von Hoch3 aufgesetzt wird. Vielleicht kannst Du das bitte nochmal kurz umreißen.

Uhlig: Gerne, also es ist insgesamt schon immer eine recht anspruchsvolle finanzielle Gesamtgemengelage hier und da muss Rot-Weiss Essen das Thema „Mehrerlöse“ durch besondere Aktionen einfach auf dem Schirm haben. Für den sportlichen Bereich kann man ja nie genug Geld haben, aber es gibt tausend Dinge, die wir kurz-, mittel- und langfristig vorhaben. Primär geht es dabei natürlich um Verstärkungen für die erste Mannschaft aber auch um den Bereich des NLZ. Durch das Nichterreichen der diesjährigen DFB-Pokalhauptrunde ist eine wesentliche Erlösquelle ja leider schon mal weggefallen. Andererseits wissen wir natürlich auch, wie schwierig es ist, jetzt nach „HOCH3“ mit einer neuen Aktion zu kommen und quasi wieder die Hand aufzuhalten. Diese Gedanken haben wir im Gespräch mit verschiedenen Fans geäußert, woraus letztendlich die Idee der Anzeigetafel mit den Stecknummern entstanden ist. Wir hören so oft aus verschiedenen Ecken, wie schön und modern das Stadion Essen doch ist, aber leider immer noch etwas ohne rot-weisse Seele und ohne die große Historie, wie im alten Georg-Melches-Stadion. Mit der alten Anzeigetafel tragen wir zumindest ein bisschen mehr Rot-Weiss ins Stadion. Wir haben zugleich auch gesagt, dass wir dabei auf ein freiwilliges Mitmachen setzen und dafür den symbolischen monatlichen Beitrag von 19,07 EUR ausgewählt, der – wie gerade erwähnt – in den sportlichen Bereich fließen soll.

FFA: Für den normalen RWE-Fan kann dies aber zusätzlich zu Dauerkarte und/oder Mitgliedschaft schon ein recht ambitionierter Betrag im Monat sein.

Uhlig: Klar, natürlich! Deshalb lassen wir diese Preise ja auch bewusst unangetastet und setzen im Puncto Mehrerlöse auf Freiwilligkeit. Wer den Verein unterstützen kann und möchte, kann das tun. Wir haben ja auch gar nicht die Erwartungshaltung, dass jetzt alle im Chor „Hurra“ schreien und tausende von Leuten mitmachen. Deswegen hoffen wir im gesamten Umfeld des Vereines auf eine Zahl von ca. 300 Unterstützern, die bereit sind, uns für zwei Jahre auf diese außerordentliche Weise zu helfen. Diese Sponsoren finden sich dann namentlich auf der Anzeigentafel wieder und alle anderen Stadionbesucher haben auch etwas davon.

FFA: Wie ist denn die Resonanz bisher?

Uhlig: Bisher ganz gut. Wir haben bisher ja nur sporadisch auf die Aktion hingewiesen, aber über ein Drittel an Unterstützern haben wir schon. Für die Idee insgesamt gab es zwar bislang fast nur positives Feedback, aber natürlich auch eine gewisse Skepsis, da wir in den letzten Jahren sportlich nicht richtig von der Stelle gekommen sind. Es wäre aus meiner Sicht allerdings der völlig falsche Ansatz zu sagen, dass wir deswegen keine neuen Projekte mehr versuchen. Warum und weshalb manche Dinge in der Vergangenheit nicht geklappt haben, ist in der Retrospektive schwer zu sagen und darf vor allem kein Hinderungsgrund für das Anstoßen von neuen Entwicklungen sein.

FFA: Was ist denn, wenn es am Ende mehr als 300 Unterstützer werden?

Uhlig (lacht): Also ich hoffe erstmal, dass es so viele werden. Dann sind wir mit der Aktion schon mal ganz zufrieden.

FFA: Wird man die Namen der Sponsoren auf die große Distanz auf der Anzeigentafel überhaupt lesen können oder muss man da schon näher rangehen?

Uhlig: Man wird vermutlich schon etwas näher rangehen müssen, denn das Ding wird ja keine exorbitanten Ausmaße haben. Man wird die Namen sicher schon lesen können, aber vermutlich nicht von der Westkurve aus. Wie soll das auch gehen? Es handelt sich dabei ja auch eher um eine symbolische Aktion.

FFA: Also eigentlich vergleichbar mit der Trikot-Aktion vor zwei Jahren, wo man die Namen der vielen Sponsoren nur von ganz nah im Schriftzug „ESSEN“ lesen konnte?

Uhlig: Richtig, oder wie das Lied von „Opa Luscheskowski“ im aktuellen Trikot dieser Saison, wobei die Namen auf der Anzeigentafel doch schon wesentlich deutlicher zu sehen sein werden.

FFA: Wie groß soll denn die Anzeigentafel werden?

Uhlig: Wie es genau aussehen und technisch umgesetzt wird, werden wir zeitnah kommunizieren. Da sind wir vor allem noch in einem engen Abstimmungsprozess mit der GVE. Aber es steht von allen das Wort und der Wille: Wir kriegen das schon irgendwie hin, idealerweise sogar schon bis Jahresende.

FFA: Wird es dabei einen Top-Werbepartner geben, wie damals auf der alten Anzeigentafel im Georg-Melches-Stadion?

Uhlig: Solche Überlegungen gibt es, aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu noch nichts Genaueres sagen oder gar irgendwelche Namen nennen. Bitte habt Verständnis dafür.

FFA: Es wäre natürlich schon toll, wenn das Ding wie in alten Zeiten fest auf der Westtribüne wäre. Ihr hattet in der Skizze auf der Jahreshauptversammlung eine Rollvariante vorgestellt.

Uhlig: Die GVE würde verständlicherweise gerne eine mobile Variante haben, da das Stadion ja auch anderweitig genutzt wird. Wir müssen zusätzlich natürlich Statik und Windlast bei den technischen Planungen mitberücksichtigen. So lange diese Dinge nicht geklärt sind, gehen wir mit der Kommunikation und Bewerbung dieser Idee noch nicht an die ganz große Öffentlichkeit.

FFA: Was ist denn mit der Bedienung der Anzeigentafel: Könnte dies wieder Fanaufgabe werden so wie früher auf der alten Westkurve? Damals war es ja sozusagen ein Ehrenamt für die Fans und die Leute sind bei Toren auch mal wie verrückt mit der Zahl rumgerannt.

Uhlig (schmunzelt): Klar, kann man sich gut vorstellen. Wir können dies gerne zusammen mit der FFA organisieren. Selbstverständlich stellt es aber auch besondere Anforderungen an die Sicherheit für die Leute auf oder an der Tafel dar, aber wir finden sicher eine Lösung, um die Fans da miteinzubeziehen.

FFA: Wobei wir wieder beim Kernthema unseres heutigen Gespräches sind.

Uhlig: Absolut! Also ich werde nicht müde diesen Ansatz immer wieder in allen Gesprächen zu betonen, weil ich es damit verdammt nochmal ernst meine: Wir kriegen Erfolg hier nur alle gemeinsam hin! Wenn wir zu viel von der abwartenden Haltung „Gucken wir erstmal wie die so spielen und was die sich jetzt sonst noch alles einfallen lassen und wenn sie Erfolg haben, sind wir dabei“ haben, kann es nicht funktionieren. Es geht nur, wenn alle zusammenhalten und an einem Strang ziehen. Dazu braucht man auch den Mut mal neue Dinge anzupacken, auch wenn das kritisiert wird.

FFA: Sicher, irgendwer meckert bei RWE immer über irgendwas. Daher schnell eine kurze Frage zur angedachten lebenslangen RWE-Mitgliedschaft für einmalig 1.907 Euro, welche auf der letzten Jahreshauptversammlung genannt wurde. Gibt es dazu schon ein Feedback?

Uhlig: Persönlich habe ich von einigen Leuten gehört, dass sie es spontan machen würden und die erste Resonanz war ganz gut. Andererseits darf man den Marketingbogen natürlich auch nicht überspannen und schaut immer was andere Vereine so an kreativen Aktionen durchführen, um die Erlöse zu steigern. Aber hier gilt ebenso wie bei der Sache mit der alten Anzeigentafel, dass es auf reiner Freiwilligkeit beruht und niemand gezwungen wird mitzumachen.

FFA: Gut, denn damit sich die lebenslange Mitgliedschaft lohnt, müsste Stefan hier beispielweise schon weit über 75 Jahre alt werden.

Uhlig (lacht): Ja, aber beim Auswärtsspiel in Wegberg-Beeck sehe ich E-Jugendliche über die Sitzplatztribüne laufen und Geld für die Jugendarbeit sammeln. Da frage ich mich, warum wir das hier nicht machen? Antwort: Wir werden es zukünftig machen. Freiwilligkeit für die Jugend, da sollte sich niemand daran stoßen.

FFA: Das stimmt.

Uhlig: Über allem steht aber der Grundsatz, dass wenn wir sportlich erfolgreich sind, auch ganz bestimmte Erlöse und Umsatzparameter logischerweise automatisch mit steigen, so wie sie bei sportlicher Stagnation oder Misserfolg gefallen sind. Hier aber nochmal die Betonung auf dem Wort „Gemeinsamkeit“: Wir bekommen Erfolg nur gemeinsam hin, wenn wir das kurzfristige negative Denken und die maximal „kurze Zündschnur“ nach Niederlagen rauskriegen. Daher hoffe ich sehr, dass wir diesen Saisonstart mit den vielen Heimspielen gegen die Topmannschaften der Liga von Beginn an positiv und mit viel Selbstvertrauen gestalten können, um gemeinsam eine positive Dynamik in die andere Richtung zu zünden.

FFA: Um nochmal zu einem etwas strittigen Thema von der Jahreshauptversammlung zurückzukommen, bei dem es auch um die Kommunikation im Verein geht: Der Vorschlag die Mitgliedereinladung zukünftig nur noch per E-Mail, Homepage oder Anschlag an der Geschäftsstelle zu kommunizieren hat bei einigen für Unverständnis gesorgt. Wir reden hierbei über eine geschätzte Summe von 8.000 bis 10.000 Euro?

Uhlig: Genau, und wenn es „nur“ 8.000 Euro wären, fände ich es schon zu viel.

FFA: Aber im Grunde ist die Einladung doch der einzige offizielle Kontaktkanal des Vereines zu seinen Mitgliedern und zusammen mit dem Fanshop-Rabatt oder dem Vorkaufsrecht für Karten nahezu das Einzige, was man als Mitglied vom Verein direkt so mitbekommt. Muss man daher wirklich über die Ablösung der schriftlichen Einladung nachdenken?

Uhlig: OK, ich gebe zu, dass es auf der Jahreshauptversammlung vielleicht nicht ganz optimal kommuniziert war. Daher kurz zur eigentlich Intention dahinter: Es geht darum die Kommunikation etwas moderner und die Prozesse dahinter schlanker bzw. kosteneffizienter zu gestalten. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir sowas einfach besser hinbekommen. Natürlich muss auch jemand ohne Internet von der Jahreshauptversammlung offiziell erfahren, aber da wo wir E-Maildressen von Mitgliedern haben und wir diese auch nutzen dürfen, sollten wir dies auch tun – vor allem regelmäßig, um eine permanente Kommunikation aufrechtzuerhalten und nicht nur einmal im Jahr.

FFA: Aha, das kam auf der Jahreshauptversammlung aber nicht so klar rüber.

Uhlig: Es geht doch darum, dass wir unsere Mitglieder über bestimmte Themen breiter und zeitnaher informieren wollen, wie zum Beispiel das eben angesprochene Projekt „Anzeigentafel“. Zugleich hilft uns die Digitalisierung beim Programmheft für die Einladung auch weitere Kosten auf der Geschäftsstelle zu sparen. Es geht insgesamt darum, Handlungsweisen zu überdenken und Potenziale auszuloten. Aber zugegeben: Als wir diese Idee zur Satzungsänderung auf der Jahreshauptversammlung vorgestellt haben, war mir die Sensibilität des Themas in diesem Augenblick (…) nicht bewusst.

FFA: Bei RWE ist halt immer alles sensibel, daher eine nochmal eine Frage zum Kontakt der ersten Mannschaft mit den Fans. In der Vergangenheit gab es schon mal einen Fanstammtisch und ein Fanturnier mit Spielern. Gibt es Überlegungen diesen Verbindungen wieder mehr aufleben zu lassen in der Zukunft?

Uhlig: Also (…) Jürgen Lucas ist ein enger Kontakt der Mannschaft zu den Fans auch immer sehr wichtig. Daher gab es auch einige Treffen mit der Fanszene gerade in Bezug zum Thema „Stimmungsboykott“ aus der letzten Saison. Nicht zu vergessen auch das „Angrillen“ und öffentliche Training der ersten Mannschaft regelmäßig zu Saisonbeginn.

FFA: Richtig, zu Saisonbeginn der Kontakt meistens recht gut, er lässt danach aber immer langsam nach.

Uhlig: Wir versuchen den Fans gegenüber immer maximal offen zu sein. Wenn ihr irgendwelche gute Ideen zum Austausch zwischen Verein und Fans habt, bitte immer gerne her damit (…)
FFA: Stimmt, oder dass ein Fanclub die Patenschaft für einen neuen Spieler übernimmt oder dass verletzte Spieler zur Auswärtsfahrt im Fanbus der FFA mitfahren und dann anschließend mit auf die Stehplatztribüne kommen. Sowas hatten wir früher öfters mal bei Heimspielen, zuletzt war es wohl Vincent Wagner.
Was ist mit Themenabenden für Fans zu bestimmten Fragestellungen? Zum Beispiel zum Thema „50+1“ oder „Ausgliederung“?

Uhlig: Auch hier sind und waren wir mit Vertretern des Vereins immer gerne dabei, wenn die FFA solche Treffen organisiert. Wir müssen nur schauen, wer wann genau Zeit hat und vor allem zu welchem Thema es passt.

FFA: Eine allerletzte Dauerfrage habe wir noch, welche ebenfalls auf das Thema „Gemeinsam im Verein“ einzahlt ...

Uhlig (unterbricht und schmunzelt): Stadionkneipe?

FFA: Genau, also einen Ort hier im oder um das Stadion herum zu haben, wo sich Fans, Mitglieder, Spieler und Verantwortliche nach dem Spiel auf ein Bierchen zum Meinungs- und Gedankenaustausch treffen können.

Uhlig: Wenn ich das Wort „Stadionkneipe“ höre ...

FFA: Ja?

Uhlig: ... dann sprechen zwei Stimmen in mir. Auf der einen Seite fehlt es immer noch an „rot-weisser Seele“ im Stadion und im unmittelbaren Umfeld, da wäre eine Stadionkneipe natürlich ein Traum. Andererseits bräuchten wir für die konkrete Umsetzung einer solchen Idee noch wesentlich mehr Zeit und massiv personelle Ressourcen. Dabei fehlt es erstmal an anderen grundlegenden Dingen im Umfeld eines Spieltages, wie zum Beispiel ein Infopoint als Anlaufstelle für alle offenen Fragen oder zur Verteilung von Mitgliedsanträgen außerhalb und eine Clearingstelle für Kartenthemen innerhalb des Stadions. Außerdem ist der Fanshop für die hohe Nachfrage bei Heimspielen selbst auch zu klein und vor der Tür bilden sich oftmals Warteschlangen. Da fallen mir schnell noch zig weitere Dinge, die wir besser machen könnten. Jetzt setzen wir aber erstmal das Projekt „Anzeigentafel“ um und schauen dann weiter nach Optimierungsmöglichkeiten rund um das Stadion.

FFA: Marcus, vielen Dank für das informative Gespräch und gutes Gelingen bei den ganzen genannten Vorhaben in naher Zukunft.

Uhlig: Ja, vielen Dank auch von meiner Seite.