Interview mit Marcus Uhlig (Teil 2)

Irgendwie hatte auch die Homepage AG Winterpause. Hier kommt nun endlich der zweite Teil unseres Interviews mit Marcus Uhlig in der Friesenstube. Diesmal geht es um Fanthemen und die Beantwortung der Frage, wann wir wieder Deutscher Meister werden – viel Spaß beim Lesen.
FFA: Kommen wir nun zu den Themen, die mit Fanarbeit zu tun haben: Nach der Insolvenz wurde bei Rot-Weiss Essen der Fanvertreter im Aufsichtsrat, im Moment der Ralf Schuh, installiert. Jetzt gibt es natürlich im Verein deutlich mehr Gremien und es gibt auch deutlich mehr Möglichkeiten, Fans an der Gremienarbeit mit offiziellen Vertretern teilhaben zu lassen. Zum Beispiel im Wahlausschuss, oder im Ehrenrat. Es gibt ja viele, ganz klassische Vereinsgremien, wo Fanvertreter vorstellbar sind. Wie sind deine Erfahrungen damit und würdest du das befürworten?Marcus: Grundsätzlich finde ich es wichtig, die Fans miteinzubeziehen. Der Aufsichtsrat ist ein Kontrollgremium und daher halte ich es für zwingend notwendig darüber nachzudenken, wie man ihn besetzt. Und das sowohl in personeller als auch in inhaltlicher Hinsicht so breit, dass er seiner ureigensten Aufgabe nachkommen kann: Die handelnden Personen im Verein zu beraten und zu kontrollieren. Dafür ist Kompetenz in allen relevanten Bereichen vonnöten und da gehört bei einem Verein wie Rot-Weiss Essen zwingend natürlich auch ein Fanvertreter dazu. Jetzt bin ich aber ehrlicherweise zu frisch dabei, um dazu hier und jetzt eine klare Meinung zu vertreten. Vorerst also nur so viel: So, wie die Struktur im Aufsichtsrat aktuell ist, finde ich sie gut. Längst nicht alle Vereine haben einen Fanvertreter im Aufsichtsrat.
FFA: Hinter der Frage steht für uns folgendes: Ein Fanvertreter ist ja auch immer jemand, der Verantwortung trägt. Wir würden uns wünschen, dass Fans mehr in die Verantwortung genommen werden. Denn für den Verein kann es eigentlich nur von Vorteil sein, noch eine Meinung zu haben. Wir haben ja jahrelang gute Arbeit geleistet, mit Ralf sowieso. Da ist jemand der mitarbeitet, der auch seine Meinung und Initiative einbringt, der aber eben auch in der Struktur bleibt und nicht, was weiß ich, populistische Ausfälle bringt.
Marcus: Es muss sich ja nicht zwingend auf eine Gremienmitarbeit beziehen. Dazu ein Beispiel aus meiner Arbeit in Bielefeld: Wir waren in der 3. Liga und wie so häufig war kein Geld da. Wir haben uns also verschiedene Fragen gestellt: Wer sind wir eigentlich? Wer ist Arminia Bielefeld? Was macht uns aus? Daraus wollten wir definieren, wo wir als Gesamtverein hin möchten. Um Antworten darauf zu finden, standen wir damals dann vor der Frage, ob wir uns eine teure Marketingagentur leisten, wie das andere Vereine machen. Das ging aber wegen des erwähnten Geldmangels nicht. Also haben wir es mit Bordmitteln gemacht. Wir haben überlegt, wer in so einen Kreis gehört und alle Protagonisten in eine Arbeitsgruppe eingeladen, die überragend funktioniert hat. Da waren alle Gruppen vertreten: Mitgliedervertreter, verschiedenste Fanvertreter, der Arminia Supporters Club, Vertreter aus der Fanszene und sogar aus der Ultraszene. Das war keine Laberrunde. Daraus ist im Prinzip dann die Grundbibel des Vereins entstanden, aus der wir dann wieder verschiedenste weitere Aktivitäten abgeleitet haben.
Diese Gruppe bestand damals aus 15 bis 20 Personen. Da saß dann ein Vertreter des Vermarkters Sportfive neben dem Capo und der wiederum neben einem Sponsorenvertreter. Es war einfach eine ganz, ganz bunte Mischung, die aber sichtlich gut funktioniert hat. Man hat sich auch mal gestritten, aber die Atmosphäre war immer themenorientiert und sachlich. Letztendlich hat diese Runde all das geschaffen, was man heute von Arminia Bielefeld sieht – ob das die Schrift auf der Homepage ist, ob das Farbverläufe sind oder der Claim: stur, hart, kämpferisch.
Was ich sagen will: Wer Bock darauf hat und es sich zutraut, gemeinsam derartige Dinge zu erarbeiten, kann gerne auf uns zukommen. Dafür bin ich offen. Warum sollte man das Wissen der Leute, die sich im Zweifel am besten mit dem Verein auskennen, nicht nutzen? Da wäre man doch bescheuert.
FFA: Die nächste Frage hatten wir schon mal angesprochen. Fans sind keine homogene Gruppe. „Die Fans“ gibt es nicht. Im Gegenteil, je tiefer man reingeht, desto mehr Verschiedenheit wird sichtbar. Da hätten wir verschiedene Fragen zu. Zum Einen: Wie ist dein Verhältnis zur sogenannten aktiven Szene, bzw. zu Ultragruppen?
Marcus: Auch da würde ich gerne schnell in Kontakt kommen und hätte gerne einen Ansprechpartner.
FFA: Dann Fanabteilungen an sich? Du hast vom Arminia Supporters Club gesprochen.
Marcus: So etwas gibt es ja gefühlt in jedem größeren Verein. Das ist vor zehn Jahren aus einem Vakuum entstanden. Von meiner Seite aus war das immer gewollt und gewünscht. Es gab da eine enge Zusammenarbeit. Das war keine Laberrunde oder eine Zusammenarbeit aus Höflichkeit, sondern es hat dem regelmäßigen Austausch gedient. Man muss versuchen, an der richtigen Stelle die richtigen Themen zu diskutieren. Es muss aber auch klar sein, dass man beim Stichwort Fanpolitik als Rot-Weiss Essen nicht sofort dazu beitragen kann, die Welt zu verändern. Grundsätzlich würde ich mich aber über einen regelmäßigen Austausch freuen.
FFA: Nächstes Thema: Soziale Medien. Eine persönliche Frage an dich: Der Michael war unglaublicher Weise auch nachts um drei noch im Forum unterwegs und man dachte immer, was sagt denn seine Frau dazu. Nicht, dass du das Gleiche machen sollst, aber…
Marcus: … das weiß ich nicht. Bei meiner ersten Pressekonferenz an der Hafenstraße war die erste Frage eines Journalisten: Herr Uhlig, sind sie denn auch so eine Rampensau wie der Michael Welling? (allgemeines Gelächter)
FFA: Der Michael war schon wirklich sehr aktiv. Bei Facebook, im Forum.
Marcus: Das ist in jedem Fall mutig! Ich glaube aber, dass man Probleme nicht über Facebook löst. Facebook ist wichtig und kann auch Spaß machen, wenn man es als Privatperson nutzt, aber Probleme will ich darüber nicht lösen. Womit ich das nicht als Kritik an Michael verstanden wissen möchte. Ich habe da einfach einen anderen Ansatz.
FFA: Jetzt kommt… ohh, das Elsperthema: Stadionkneipe. Wir hatten ja im alten Stadion eine Kneipe, einen super Ort der Begegnung, für jung, für alt, zum Austausch, wo man beim Bierchen mal über alles gesprochen hat, mehr oder weniger intensiv. So etwas gibt es im neuen Stadion nicht mehr. Was uns aufgefallen ist: Wir spielen gegen Schwarz Weiß Essen, die haben sowas dummerweise und die Stimmung war da super. Da war alles voll, am Ende nur noch Rot-Weisse, da hat sich Hinz und Kunz getroffen, diskutiert beim Bierchen. Wie siehst du das? Gibt es da eine Chance einen solchen Ort zu schaffen – jetzt nicht gerade das Hafenstübchen, das du vielleicht auch schon kennst.
Marcus: Da habe ich schon von gehört.
FFA: Oder, wie das Fanprojekt. Ein Ort nach dem Spiel, mal gemütlich mit nem‘ Stauder. Kann man sowas schaffen?
Marcus: Natürlich ist das wünschenswert. Das hätte ich liebend gerne und würde das sofort unterschreiben. In dieser Form höre ich das zum ersten Mal, allerdings ist das aufgrund der Konstellation im Stadion Essen natürlich schwierig. Wenn so etwas umsetzbar ist, würde ich das natürlich unterstützen. Ich kenne das ja noch aus dem alten Stadion: Das war etwas ganz Besonderes, da herrschte eine unfassbare Atmosphäre, schon fast wieder ein Alleinstellungsmerkmal. Eine echte Stadionkneipe, durch die auch die Spieler auf dem Weg zur Pressekonferenz gelaufen sind – in dieser Form gab und gibt es das schlicht und einfach woanders kaum. Das war Herz und Seele.
FFA: Ja, genau. Und die gab es ja auch Wochentags.
Marcus: Putsche Helmig hat mir neulich auch schon erzählt, dass die Spieler auch unter der Woche dort verkehrt haben und beispielsweise nach dem Training da waren. Wie gesagt: Wenn es so etwas wieder gäbe, wäre das überragend! Lasst uns darüber in ein paar Monaten nochmal reden. Das hätte natürlich richtig Charme.
FFA: Wichtiges Thema: Workshops zum Thema Ausgliederung. Das Thema Ausgliederung hatten wir ja im Grunde schon angesprochen, wo du gesagt hast: Du findest das wichtig, dass ein kommunikativer Prozess stattfindet. Wir sind da vom Ablauf her sozusagen in der Mitte. Michael Welling hat das alles angeschoben und es gab schon sehr konkrete Pläne, wie wir weitermachen. Nämlich mit besagten Workshops. Das heißt: wir laden ein zu bestimmten Themen und die werden dann gemeinsam diskutiert. Da wären wir als Fanabteilung natürlich sehr dran interessiert.
Marcus: Passt auf: Gebt mir die Chance, darauf ein bisschen gezielter antworten zu können. Da machen wir lieber ein zweites Interview. Ich möchte das Thema dann wirklich genau im Kopf haben, um mit mehr Substanz darauf antworten zu können. Ich glaube, man sollte das von Anfang an richtig machen und auf Augenhöhe miteinander sprechen. Diese Ausgliederung ist so ein komplizierter Prozess, bei dem wir Support brauchen, können uns da aber keine Unternehmensberatung xyz buchen, die diesen Prozess für uns macht. Da sind wir dann wieder bei dem Thema von eben: Wenn wir das in einigen Bereichen mit eigenen Leuten angehen können, dann wären wir doch bescheuert, wenn wir das nicht machen würden. Diese Ausgliederung ist doch kein Hinterzimmerprojekt an den Fans vorbei. Denn das, was am Ende damit bezweckt werden soll, wollen doch auch wiederum alle: Zusätzliches Geld für den sportlichen Bereich generieren, ohne den Verein auf den Kopf zu stellen.
Im besten Fall bereiten wir den Verein in aller Ruhe auf die Ausgliederung vor, schaffen den Aufstieg in die dritte Liga ohne Investor und ohne fremdes, sondern mit eigenem Geld. Denn es macht meiner Meinung nach mehr Sinn, als Drittligist auf die Suche zu gehen, um einen strategischen Partner zu finden. Da ist man teurer und wertvoller.
FFA: In der 4. bist du aber günstiger. Michaels Argument ist da: viel renditesicherer. Das sind ja Diskussionen, die bereits laufen. Allerdings ist da das Risiko dann auch größer. Das Geld ist weg und immer noch 4. Liga.
Marcus: Sagen wir mal so: Nur einen Investor dafür zu suchen, um den Sprung von der Regionalliga in die 3. Liga zu schaffen, halte ich für falsch. Ich finde das Wort strategische Partner dann besser. Was dann vor uns steht, wird schneller größer. Da werden die Zahlen auch schneller größer. Das schaffen wir dann möglicherweise nicht so ohne weiteres alleine.
FFA: Wir haben noch zwei Fragen. Im Moment ist ja fanszenenmäßig extrem viel los. Also Gespräche DFB, DFL, sprich, es gibt neue Ansätze durch das Dresdener Fanbündnis, die eben noch mal gesagt haben, so, jetzt machen wir mal Druck und lustiger Weise hat das ja zu was geführt. Sind das Sachen, die du verfolgst?
Marcus: Ja, klar! Man, ihr habt immer Fragen, die man so ausführlich beantworten kann und wahrscheinlich auch sollte. Ich versuche es trotzdem mal kurz und knapp: Natürlich verfolge ich das. Da ist offensichtlich wieder eine neue Ebene des Dialogs eingeleitet worden – hoffentlich!
FFA: So, letzte Frage! Wie stehst du denn zum Thema Kontakt zwischen Mannschaft und Fans. Das hatten wir ja eben schon angesprochen, früher, mit der Stadionkneipe, wenn die da nach dem Training noch vorbeigekommen sind. Wie soll das aussehen?
Marcus: Ich würde das gerne hinbekommen, das geht aber nicht von heute auf morgen. Ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht, ob das hier problematisch ist beziehungsweise war. Ich antworte jetzt also eher allgemein darauf: Ich fände es toll, wenn die Mannschaft aus sich selbst heraus ein Gefühl dafür entwickelt. Die Spieler sollen kein Protokoll auswendig lernen. Wenn es da Dinge zu verbessern gibt – und offensichtlich oder wahrscheinlich gibt es da ja immer Dinge zu verbessern: Spirit spending. Die Mannschaft muss da ein Stück weit verstehen, warum sie es machen sollen, aber auch einen eigenen Antrieb haben. Oder wenn sie ihn nicht haben, entwickeln. Das fände ich gut, wenn man das hinkriegt. Wie gesagt: Das ist ein schwieriges Thema, man wird es auch nicht von heute auf morgen hinkriegen, allein schon, weil von Saison zu Saison Spieler gehen und kommen. Aber wenn du einen Kern von Spielern hast, die schon seit Jahren dabei sind, dann kann man da etwas entwickeln. Und da geht es auch wieder um das Thema Stressresistenz. Es geht darum, sich gegenseitig besser zu verstehen. Vielleicht nimmt so etwas auch ein bisschen Druck vom Kessel.
FFA: Kommen wir zur letzten Frage: Hier in der Friesenstube gibt es ja eine Helmut Rahn Ecke. Wann werden wir das nächste Mal deutscher Meister?
Dazu die Kellnerin passend: Hier noch jemand einen Wunsch? (allgemeines Gelächter)